Ich werde Investorin – Entwickelt eure Anlagestrategie

Laptop mit Checkliste, Schreibutensilien und Brille

Das Sparbuch gibt nichts her und die Inflation frisst mein Geld. Es ist also an der Zeit sich mit Investitionen auseinanderzusetzen. Aber in was will ich eigentlich investieren? Anleihen sollen angeblich recht sicher sein, Aktien dafür aber mehr Gewinn abwerfen. Der Kumpel eines Freundes hat mit Bitcoin einiges an Geld gemacht – aber das ist mir definitiv zu spekulativ.

Wer sich mit Börseninvestments auseinandersetzt, stellt schnell fest, dass es eine Vielzahl an Finanzprodukten gibt. Während man sich unter Aktien und Anleihen noch etwas vorstellen kann, steigt man als Einsteiger bei Zertifikaten, Optionsscheinen, Hebelprodukten und Rohstoffen schnell aus. Wie soll ich da jemals rausfinden, wo mein Investment gut angelegt ist?

Ich ging also zurück zum Start und überlegte mir, was meine Motivation ist, mein Geld anzulegen.

Wieso möchtet ihr euer Geld anlegen?

Ich möchte in meine Altersvorsorge investieren. Meinem Zukunfts-Ich soll es gut gehen und es soll sich keine Sorgen um Geld machen müssen. Dabei habe ich ein Bild von mir vor Augen, in dem ich als Pensionistin mit einem Gin Tonic in der Hand im Garten liege. Man soll ja seine Ziele immer visualisieren 😉. Mit 31 Jahren habe ich somit noch über dreißig weitere Jahre Zeit, um vorzusorgen. Das klingt doch nicht schlecht, oder?

Eure Strategie kann aber natürlich eine andere sein. Viele setzen sich „finanzielle Freiheit“ zum Ziel. Ich setze das in Anführungszeichen, weil das ein doch sehr schwammiger Begriff ist. Wann man finanziell frei ist, kann man sehr unterschiedlich definieren. Für die einen heißt das, monatlich zusätzlich passives Einkommen zu erzielen, für andere bedeutet das die Möglichkeit, vorzeitig in den Ruhestand gehen zu können. Sogenannte Frugalisten setzen es sich zum Ziel, im Alter von beispielsweise 40 Jahren so viel Geld zur Verfügung zu haben, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits ausgesorgt haben und nicht mehr arbeiten gehen müssen.

Würde ich mit 40 in den Ruhestand gehen wollen, hätte ich noch knapp neun Jahre Zeit, um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen. Dann müsste ich natürlich eine ganz andere Strategie fahren, als wenn ich für meine Zukunft in etwa dreißig Jahren vorsorgen möchte. Ihr seht: Euer Ziel wird eure Anlagestrategie wesentlich beeinflussen.

Überlegt euch also: Wie viel Geld wollt ihr bis wann zur Verfügung haben. Das ist der erste Schritt zu eurer Anlagestrategie.

Wie viel Geld habt ihr zur Verfügung?

Um eure Anlagestrategie zu erstellen, ist es notwendig über euer Einkommen, aber vor allem auch über eure Kosten Bescheid zu wissen.

  • Wie viel Geld habt ihr monatlich zur Verfügung?
  • Wie viel Geld benötigt ihr zum Leben?
  • Wie viel Geld möchtet ihr sparen, wie viel möchtet ihr investieren?
  • Welche größeren Ausgaben stehen in den nächsten Jahren an (denkt hierbei vor allem an die Themen Familienplanung und Eigentum)?

Um einen Überblick über eure Kosten zu bekommen, solltet ihr einen Haushaltsplan erstellen. In diesem Plan erfasst ihr alle Einnahmen und Ausgaben – idealerweise führt ihr den Haushaltsplan bzw. das Haushaltsbuch über mehrere Monate, um ein realistisches Bild zu bekommen. Seid dabei ehrlich mit euch selbst und erfasst dabei auch jede noch so kleine Alltagsausgabe. Diese Übung hat außerdem den Vorteil, dass ihr einiges an Einsparpotenzial erkennen werdet und somit noch etwas mehr Geld zum Investieren zur Verfügung habt 😉.

Tipp: Statistik Austria bietet einen persönlichen Inflationsrechner an. Ihr gebt einfach eure Daten aus eurem Haushaltsplan ein und könnt daraus berechnen lassen, wie stark ihr in den letzten 12 Monaten von der Inflation betroffen wart. Meine persönliche Inflationsrate beträgt glatte 2 %, das weicht deutlich von der offiziellen Inflationsrate von 1,5 % im selben Zeitraum ab. Ein Blick in dieses Tool lohnt sich also, um einen realen Überblick darüber zu bekommen, wie viel Geld einem tatsächlich durch die Inflation verloren geht. Das ist deshalb wichtig, weil ihr natürlich berücksichtigen müsst, dass euer Geld ohne euer Zutun jedes Jahr durch die Inflation an Wert verliert. Bei einem Anlagehorizont von über 30 Jahren ist das also durchaus entscheidend.

Wie viel Geld braucht ihr in Zukunft wirklich?

Nachdem ihr jetzt wisst, wie es um eure aktuellen Finanzen bestellt ist, kümmern wir uns um die Zukunft. Wenn euer Anlageziel wie bei mir die Altersvorsorge ist, solltet ihr auf jeden Fall in euer Pensionskonto schauen und eure potenzielle Pension mit dem Pensionskontorechner berechnen.

Mein Ergebnis besagt, dass ich bei einem Pensionsantrittsalter von 65 Jahren mit einer monatlichen Netto-Pension von etwa EUR 1.700 rechnen kann. Das klingt im ersten Moment nicht schlecht, trotzdem gibt es ein sehr großes ABER: Die Berechnung geht davon aus, dass ich bis zum Pensionsantritt durchgehend versichert bin und sich mein Einkommen nicht ändert. Das heißt, ich bekomme diese Summe nur, wenn ich in den nächsten 34 Jahren keine langen Krankenstände habe, nicht arbeitslos werde und nicht auf Grund der Betreuung von Kindern oder Angehörigen in Teilzeit arbeiten werde. Das ist ein höchst unrealistisches Szenario – ich kann mich von dem Gedanken dieser Pensionszahlung also verabschieden. Abgesehen davon ist überhaupt nicht klar, wie sich das Thema in den nächsten Jahrzehnten politisch entwickeln wird.

Wenn Altersvorsorge euer Anlageziel ist, solltet ihr euch also auch darüber Gedanken machen, wie viel Geld ihr in der Pension benötigen werdet. Bedenkt dabei zum einen eure geplante Wohnsituation aber auch den Lebensstil, den ihr führen möchtet.

Wie viel Risiko wollt ihr eingehen?

Grundsätzlich birgt jede Investition ein Risiko. Ihr müsst auch damit rechnen, dass ihr einen Totalausfall erleidet und somit das ganze eingesetzte Geld weg ist. Ihr könnt euer Risiko aber minimieren, indem ihr euch möglichst gut informiert und die Risiken abwägt und einschätzt. Und ich muss euch enttäuschen, ich habe gesucht, aber kein Patentrezept zur richtigen Geldanlage gefunden 😉. Zum einen ist jede Lebenssituation und -planung individuell und zum anderen sind Entwicklungen an der Börse nun einmal nicht mit einer Glaskugel vorhersehbar. Vor einem halben Jahr hätte sich wohl niemand vorstellen können, dass wir von einer Pandemie betroffen sein werden und sich die Weltwirtschaft derart entwickelt. Da fällt mir André Kostolany ein, der angeblich so schön sagte: „An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil.“.

Die Risiken der Geldanlage sind vielfältig. Aktienkurse können stark schwanken, Investments im Ausland sind Wechselkursrisiken ausgesetzt, neue rechtliche Gegebenheiten können das Geschäftsmodell von Unternehmen wesentlich beeinflussen. Aber auch ihr selbst seid ein Risiko für euer Investment. Auch wer versucht, möglichst rationale Entscheidungen zu treffen, ist vor Gefühlen wie Gier oder Panik nicht gefeit („Die Kurse sind so weit unten, ich muss jetzt kaufen. Das geht bestimmt bald bergauf.“ oder „Oh nein, die Kurse fallen, ich muss sofort verkaufen bevor noch Schlimmeres passiert.“). Auch häufiges Kaufen und Verkaufen kann eure Einnahmen an der Börse mindern – schließlich werden bei jeder Order Gebühren fällig.

Wenn ihr euch dieser Risiken bewusst seid, könnt ihr euch aber gezielt mit ihnen auseinandersetzen und euch Strategien überlegen. Bei welchem Preis ist ein guter Einstiegspunkt für Aktie X? Bei wie viel Prozent Verlust ziehe ich die Reißleine und verkaufe?

Was ist meine Strategie?

Mein Anlagehorizont umfasst wie beschrieben 30 bis 35 Jahre und ich möchte dadurch einen bestimmen Geldbetrag für meine Pension zur Verfügung haben. Auf Grund dieses Ziels und meiner persönlichen Risikoeinschätzung, setze ich zu einem Teil auf sogenannte ETF (Exchange Traded Funds). Dabei handelt es sich um Fonds und man investiert in hunderte oder sogar tausende Unternehmen gleichzeitig. Der Vorteil an Fonds liegt darin, dass man sein Risiko bei geringen Kosten breit streuen kann (unterschiedliche Länder, unterschiedliche Währungen, unterschiedliche Branchen). Hierin lege ich den Großteil meines Geldes an.

Einen kleineren Teil meines Geldes lege ich in Einzelaktien an. Auf diese Weise mische ich einen risikoreicheren Part bei – natürlich im Wissen, dass das auch schief gehen kann. Hierbei setze ich aktuell im Wesentlichen auf Aktien von Unternehmen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine gute Performance vorweisen konnten. (Darüber hinaus habe ich Aktien eines Unternehmens gekauft, dessen Kurs eine hohe Volatilität, also hohe Kursschwankungen, aufweist. Da habe ich mich wohl doch von der Gier leiten lassen.)

Wenn man Aktien kauft, die man über einen sehr langen Zeitraum halten möchte, nennt man das Buy and Hold-Strategie. Das bedeutet, dass ich nur in Unternehmen, Branchen und Regionen investiere, von denen ich glaube, dass sie sich in Zukunft dauerhaft gut entwickeln werden. Das eingesetzte Geld brauche ich zu keinem bestimmten Zeitpunkt, somit kann ich auch starke Kursveränderungen aussitzen.

Wer sein Geld langfristig investieren möchte, für den könnte auch eine Dividendenstrategie interessant sein. Dabei investiert man in Unternehmen, die über eine hohe Dividendenrendite verfügen oder über viele Jahre regelmäßig Dividenden auszahlen. Auf diese Weise profitiert man regelmäßig in Form von Gewinnauszahlungen, man hat ein passives Einkommen. Interessant sind dabei vor allem sogenannte Dividend Aristocrats. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die über 25 Jahre lang die Dividende erhöht haben.

Ich hoffe, dass dieser Longread euch ein paar Inputs für eure eigene Anlagestrategie gegeben hat. Mir ist bewusst, dass es sehr unterschiedliche Strategien gibt und für euch eine andere Strategie besser passen kann. In diesem Beitrag möchte ich euch an meinen persönlichen Überlegungen teilhaben lassen. Ich bin jedenfalls froh, dass ich mir die Mühe gemacht habe, eine Anlagestrategie zu überlegen und fühle mich jetzt mit dieser Form der Geldanlage wohl. Trotz der turbulenten Zeiten, die wir gerade durchleben, bin ich zuversichtlich, dass ich auf Grund meines langen Anlagehorizonts erfolgreich sein kann.

Wenn ihr euch dem Thema intensiver widmen wollt, kann ich euch das Seminar „Vermögensaufbau und -planung“ der Wiener Börse Akademie empfehlen. Das Seminar findet in Wien statt und hat mir bei der Entwicklung meiner Anlagestrategie sehr geholfen. Meine Strategie geht übrigens noch stärker ins Detail, das würde den Rahmen hier aber eindeutig sprengen.

Im nächsten Beitrag werde ich euch erzählen, wie ich meinen Online-Broker ausgewählt habe und welche Überlegungen für euch bei eurer Wahl wichtig sein können.

Disclaimer: Dieser Beitrag ist keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten.

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