Ich werde Investorin – Mein erster Bauchfleck an der Börse

Schilder "Buy, Hold, Sell", Laptop und Aktienkurve

Eigentlich wollte ich euch in diesem Beitrag Tipps geben, worauf ihr bei der Auswahl eures Online-Brokers achten sollt. Keine Sorge, dieser Beitrag kommt natürlich noch, aber zuerst möchte ich euch aus aktuellem Anlass von meinem ersten Bauchfleck an der Börse erzählen. Wer meine Reihe hier noch nicht kennt: Ich bin Börsenanfängerin und berichte hier auf Apropos Geld über meine ersten Schritte.

Es ist schon eine Zeit lang her, dass ich im Herbst 2019 mein Wertpapierdepot eröffnet habe. Um fürs Alter vorzusorgen habe ich mich für eine langfristige Strategie entschieden, die zu einem großen Teil aus einem ETF und zu einem kleinen Teil aus Einzelaktien besteht. Innerhalb der Einzelaktien habe ich auch eine gewisse Summe für risikoreichere Investments eingeplant. Letztes Jahr ist mir dabei vor allem die Aktie eines Finanzdienstleisters ins Auge gestochen, die ich nach längerer Überlegung in mein Portfolio übernommen habe. Vor wenigen Tagen – also einige Monate nach meinem Investment – zeigte das Aktienchart – 83 %. Allein innerhalb eines einzigen Tages hatte das Papier um 70 % an Wert verloren. Nur wenige Tage später meldete das Unternehmen Insolvenz an. Was für ein epochaler Bauchfleck. Zeit für einen kurzen Rückblick.

Warum habe ich überhaupt so eine spekulative Aktie ins Depot genommen?

Um ehrlich zu sein, habe ich nur wenigen Menschen von meinem persönlichen Aktiencrash erzählt. Die Reaktionen reichten von „selber schuld, wenn man in Aktien investiert“ bis hin zu „warum investierst du überhaupt in so was, wenn du eh weißt, dass das Papier spekulativ ist?“. Tja, was soll ich sagen. Die Reaktionen kann ich nachvollziehen und sie sind ja auch durchaus gerechtfertigt.

Bevor ich in diese Aktie investiert habe, habe ich mich – so wie ich es euch auch in meinen letzten Beiträgen geraten habe – natürlich über das Unternehmen informiert. Das Unternehmen ist in einer Branche tätig, in der ich Wachstumspotenzial sehe. Die Kennzahlen zeigten steigende Wachstumsraten und die Firma konnte in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Kunden gewinnen und war dabei neue Märkte zu erschließen. Das fast 20 Jahre alte Unternehmen gehörte zu den am schnellsten wachsenden Finanzplattformen und die Analysteneinschätzungen überboten meinen Einstiegspreis um gut 50 %. What could possibly go wrong? Nun ja, offenbar so ziemlich alles.

Da mögliche Bilanzfälschungen bereits länger im Raum standen, habe ich recht lange darüber nachgedacht, ob ich diese Aktie als Risikoteil in mein Depot mit aufnehmen sollte. Natürlich war mir stets bewusst, dass die Aktie hochvolatil ist (das bedeutet, dass der Aktienkurs stark schwankt), aber ich wollte auch die Chance auf mögliche Kursgewinne nutzen. Dabei musste mir auch klar sein, dass es zu einem Totalausfall kommen kann, deswegen habe ich nur einen verhältnismäßig kleinen Teil meines Geldes so investiert. Zugegeben: Dass es tatsächlich soweit kommen könnte, hätte ich dann doch nicht erwartet.

Wie war es dazu gekommen?

Da über diesen bereits jetzt historischen Insolvenz-Fall ausgiebig in den Medien berichtet wird, fasse ich nur sehr kurz zusammen, worum es geht (eine ausführlichere Zusammenfassung findet ihr bei boerse.ard.de): Seit längerem gab es Vorwürfe bzw. Hinweise darauf, dass die Bilanz des Unternehmens gefälscht wurde. Fast forward: vor einigen Tagen verweigerte der Wirtschaftsprüfer das Testat für 2019. Die Aktie begab sich auf Talfahrt, denn bald wurde klar, dass 1,9 Milliarden Euro (rund ein Viertel der Bilanzsumme) fehlen oder vielleicht sogar gar nie existiert haben. Medien zufolge dürfte es sich um einen großen Betrug handeln.

Hätte ich also nicht schon letztes Jahr die Finger von der Aktie lassen sollen? Im Nachhinein: Ja, auf jeden Fall! Aber ich möchte darüber reflektieren, warum ich diese Kaufentscheidung getroffen habe, um solche Fehler zukünftig zu vermeiden. Im Grunde kann man zusammenfassend sagen, dass ich offenbar zu viel vertraut habe. Ich habe einfach darauf vertraut, dass ein großes DAX-Unternehmen seine Geschäfte ordentlich führt. Ich habe darauf vertraut, dass Analysten, also Kapitalmarktexperten, ein Unternehmen auf Basis ihrer Expertise halbwegs realistisch bewerten können. Ich habe darauf vertraut, dass die Aufsichtsbehörden den bereits bekannten Vorwürfen nachgehen und die entsprechenden Untersuchungen einleiten. Und ich habe darauf vertraut, dass der Vorstand und das Unternehmen die Situation realistisch kommunizieren.

Ich möchte hier aber die Schuld nicht abwälzen, sondern lediglich erklären, was mich zum Kauf verleitet hat. Und ja, die Aussicht auf hohe Gewinne, oder besser gesagt: die Gier, war wohl schließlich mein Fehler.

Verkaufen, abwarten oder sogar nachkaufen?

Der Einstandspreis meiner Aktien lag bei 150 Euro. Während ich diesen Beitrag schreibe, ist eine Aktie gerade einmal 16 Euro wert. Auch wenn ich nur eine Handvoll Aktien halte, hier habe ich definitiv richtig Geld verbrannt – in meinem Fall mehrere Hundert Euro – oder werde es zumindest tun, sobald ich die Aktien verkaufe.

Meine Überlegungen schwankten. Sollte ich wenigstens die 16 Euro retten? Kann ich das aussitzen und somit den Verlust zumindest noch etwas begrenzen? Oder sollte ich zocken und den historischen Tiefstand zum Traden nutzen?

Das Zocken schloss ich für mich aus. Abgesehen vom mittlerweile unberechenbaren Risiko waren mir die Spesen für diese Aktion zu hoch. Eine Order kostet konkret rund 6,50 Euro – für Kauf und Verkauf sind also 13 Euro miteinzukalkulieren – diese müsste ich somit definitiv reinholen. Auf Grund des Risikos würde ich hier nicht mehr mit viel Geld reingehen wollen, also fällt diese Option für mich weg.

Should I stay or should I go?

An diesem Punkt musste ich eine Entscheidung treffen. Gehe ich mit 90 % Verlust raus, oder warte ich weiter ab, in dem Wissen, dass es zu einem Totalausfall kommen kann? Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, aber ich war an einem Punkt angelangt, an dem es für viele Optionen schon zu spät war. Mit einer früheren Reaktion hätte ich den Verlust vielleicht noch minimieren können.

Ich entschied mich dafür, im Investment drin zu bleiben. Ein Verlust käme zum aktuellen Zeitpunkt im Grunde einem Totalausfall gleich. Meinen Einstiegskurs werde ich wohl lange nicht mehr erreichen – so wie sich die Lage aktuell darstellt, wohl auch nie wieder. Aber ich hoffe darauf, meinen Verlust zumindest noch etwas minimieren zu können.

[Anmerkung: nach Fertigstellung des Artikels meldete das Unternehmen Insolvenz an, der Kurs fiel sogar bis auf 1,08 Euro.]

Was ich aus diesem Bauchfleck gelernt habe

Lektion 1: Spekulationen sind einfach nichts für Einsteiger

Ich habe mich vorab über das Unternehmen und die Branche informiert, mich dann aber wohl letztendlich doch von meinen Emotionen verleiten lassen. Dabei musste ich aber auch feststellen, dass nicht nur AnfängerInnen wie ich mit ihrem Investment falsch lagen: schließlich haben auch zahlreiche Analysten die Situation anders eingeschätzt. Um derartige Fehlentscheidungen zukünftig zu vermeiden, werde ich meine Kauf- bzw. Verkaufsmotivation stärker hinterfragen und im Zweifel wohl lieber die Finger davonlassen.

Lektion 2: Buy and hold heißt nicht buy and forget

Ein wesentliches Learning war für mich vor allem, dass ich meine Einzelaktien deutlich stärker im Auge haben muss. Nur weil sich ein Unternehmen im letzten Jahrzehnt gut entwickelt hat, muss sich diese Entwicklung nicht fortsetzen. Ich werde meine Anlagestrategie noch ausbauen und um Exit-Strategien ergänzen – diese hatte ich bisher nicht ausreichend berücksichtigt. Ich werde also für mich definieren, wann der Zeitpunkt ist, aus einer bestimmten Aktie auszusteigen. Dabei werde ich mir auch überlegen, wie ich Stopp-Loss-Orders sinnvoll einsetzen kann, um meine Gewinne zu sichern und Verluste zu begrenzen. Bei einer Stopp-Loss-Order wird eine Aktie automatisch zum Verkauf freigegeben, sobald der Kurs einen festgelegten Betrag unterschreitet.

Lektion 3: Zum besseren Zeitpunkt einsteigen

Aus heutiger Sicht bin ich zu einem hohen Kurs eingestiegen. Mein Ansatz war es, dass mein potenziell langfristiges Investment diesen Umstand auf lange Zeit ausgleichen wird. Ich werde mich in den nächsten Wochen eingehend damit befassen, wie ich besser verstehen kann, ob ein Unternehmen tendenziell über- oder unterbewertet ist und ob diese Einschätzungen auch gerechtfertigt sind.

Lektion 4: Das nächste Mal wird besser gescheitert

Es war mir bewusst, dass mein erster Börsen-Fuck-Up nur eine Frage der Zeit ist. Die Tatsache an sich war also nicht so sehr überraschend, die Intensität aber umso mehr. Ich werde meine Lehren aus dieser Erfahrung ziehen, damit ich zukünftige Fehlentscheidungen vermeiden oder zumindest früher korrigieren kann. Ganz nach Samuel Beckett: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“

Wirecard 2020: ich war dabei.

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